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Reisebericht Peru – Arequipa

Bei den Erben der Inkas

April 2016
Bei der Ankunft im Hotel am Abend Besorgnis: Im beschaulichen Garten mit Brunnen im Innenhof ist ein großes Zelt errichtet. Gerade findet ein Soundcheck statt. Es wird wohl geprobt für eine große Veranstaltung, und wir sind von unserem Zimmer und Balkon aus die unmittelbaren unfreiwilligen Zaungäste. Der freundliche Angestellte an der Rezeption beruhigt uns: Die Proben wären bald abgeschlossen, und das Fest morgen gehe nur bis 18 Uhr, wir würden sicher nicht gestört. Wir könnten uns auch gerne morgen früh noch einmal bei der zuständigen Dame melden.

Nach der kühlen Nacht überrascht uns der sonnenbeschienene schneebedeckte Gipfel des Vulkans, auf dem Weg zum Frühstück sehen wir, wie farbenfrohe üppige Blumengestecke ins Zelt gebracht werden, im Brunnenwasser werden später Blumeninseln schwimmen. Auf dem Frühstückstisch leuchten wie schon vertraut die peruanischen Früchte in Gelb, Orange, Rot, Grün, was das Auge mehr erfreut als den Magen, der zieht Diät und Coca-Tee vor.

Die Dame an der Rezeption klärt uns auf: Ja, es gebe ein großes Fest heute, zum ersten Mal überhaupt in 50 Jahren, die Mutter des Hotelbetreibers feiere ihren 80. Geburtstag, sie habe eingeladen zum Lunch, am Abend ab 18 Uhr werde es bestimmt zu Ende sein, und die Gesellschaft von größtenteils betagten Herrschaften werde sich sicher nicht in Alkoholorgien ergehen. Wir wünschen ein schönes Fest, Siesta wollten wir bei einem eintägigen Aufenthalt in Arequipa ohnehin nicht machen.

Unser deutschsprachiger peruanischer Führer Ronald (tatsächlich, Ronald Reagan stand für ihn Pate, aber der Filmschauspieler, nicht der Präsident) holt uns ab. Wir fahren über die Kolonialbrücke über den Fluss Chili zum Aussichtspunkt außerhalb der Stadt, schauen weit hinaus in das immer noch von den Inka-Kanälen bewässerte sattgrüne Chilital auf die mit Gemüse bepflanzten Terrassen, entdecken die ersten schwarzbunten peruanischen Kühe, die hatte es in der Wüste von Lima nicht gegeben, und wir sehen, wie die graubraunen Hüttensiedlungen immer höher auf die umliegenden Wüstenberge hinaufwachsen, genauso wie in Villa El Salvador, dem von 400.000 Menschen bewohnten Stadtteil von Lima, in dem wir vorher bei den Partnern unseres Projektes zur Unterstützung alter Menschen einige Tage verbracht hatten. […] Gegenüber die ca. 6.000 m hohen überzuckerten Vulkane Misti und Chanchani, seit der Klimaveränderung gebe es weniger Schnee mit entsprechenden Folgen für die Vegetation, die Erdbeben seien eine ständige Gefahr, erst gestern habe es ein leichtes Beben der Stärke 3-4 gegeben.

In der Markthalle gehen uns die Augen über von der Vielfalt der Früchte und Gemüse, insbesondere von Kartoffeln. Über 3.000 Sorten gebe es in Peru, wird uns immer wieder erzählt, sie heißen hier „papas“, es gibt sie in den unterschiedlichsten knolligen Formen und Farben, sogar in schneeweiß, nach einem Transport ins frostige Hochland und einigen Bädern in einem Fluss sind sie gefriergetrocknet und auf Jahre haltbar. Dann fallen uns die Stände mit Kräuterbüscheln aus verschiedenen Kräutern und die Regale mit Päckchen unterschiedlichen Inhalts auf, und nach genauerem Hinsehen die teilweise mit Mützen und Bordüren versehenen Skelette und nackten Schädel und Knochen von Lama-Föten und aufgetürmte Eisenringe mittendrin. Und Ronald erklärt uns, was er von seiner Mutter gelernt hat, wie er mehrfach betont, und wovon er auch heute noch überzeugt ist: die Notwendigkeit von Opferritualen, für die diese Kräuter und Lama-Skelette und Magnete bestimmt sind. So ziehen denn bei akuten Anlässen Schamanen oder befugte Familienmitglieder an die alten Opferstätten der Inkas, um Pachamama, der Mutter Erde, die so viel gibt, etwas wiederzugeben. Geben und Nehmen: Das ganze Dasein bewege sich zwischen diesen Polen, und es sei wichtig, das Gleichgewicht der Erde durch ständigen Ausgleich zu erhalten.

Von der Plaza de Armas ertönt temperamentvolle Musik von Trompeten, Pauken, Trommeln. Ein überwältigender Umzug beeindruckt uns: Hunderte von Kindern in unterschiedlichen Schuluniformen, Jugendliche, Frauen, Männer, junge Familien ziehen singend und tanzend aus den Nebenstraßen kommend um den großen Platz, in bunten Outfits, cheer groups ähnelnd, begleitet von Hunderten von bunten Luftballons, zwischendrin verkleidete Umzugswagen, auch Militäruniformen tauchen auf, Sprüche werden skandiert, der Zustrom will nicht enden: ein Spektakel wie im Kölner Karneval. Und über allem fliegt eine Kameradrohne. Erst nach einiger Zeit erkennen wir, dass vor den jeweiligen Gruppen Spruchbänder getragen werden: „Viva la vida! Marcha por la vida! Arequipa defiende y ama la vida!” Meistens stehen Namen von colegios auf den Plakaten. Nein, es ist kein Karnevalsumzug, auch nicht ein Umzug zum Tag des Kindes, wie unser Führer anfänglich vermutet, sondern ein „Marsch für das Leben!” gegen die Abtreibung. Dieser vehemente Auftritt erstaunt uns angesichts des anderen Umgangs mit dem Thema in unserem Land, und wir fragen, ob denn dieser Umzug eher Ausdruck einer kirchlichen Kampagne sei oder dem Denken der Bevölkerung entspreche. Unser Führer, der selber keine Familie hat, lässt sich auf kirchenkritische Nachfragen nicht ein und hält den Einsatz der Demonstrierenden für authentisch. Was Pachamama gibt, muss man annehmen.

Wir verlassen den Platz, auf einer Seitenstraße regelt ein mit vielen Orden dekorierter älterer Herr in weißem Hemd mit Krawatte den dichten Zustrom an Fußgängern, unser Führer, der ihn kennt, erzählt ihm offensichtlich von uns, daraufhin kommt er auf mich zu, nimmt die Tanzhaltung ein, ergreift meine Hand, lässt mich elegant unter seinem ausgestreckten Arm kreisen, spricht dazu spanische Verse, die sich alle auf señorita und weitere -itas reimen, verbeugt sich abschließend tief, bedankt sich für unser Engagement in Villa El Salvador und wünscht uns noch schöne Tage in Peru. Er sei von der UNESCO ausgezeichnet als freundlichster Polizist Perus. Wenn dem wirklich so ist, auch für seinen Charme und seine Eleganz, hätte er diesen Orden verdient! […]

Unser Mittagessen nehmen wir auf dem Balkon eines der Arkadenbauten über dem Platz ein: Sopa de Pollo, in der Speisekarte auf Englisch als diet soup übersetzt. Das passt. Der Marsch für das Leben hat sich aufgelöst, direkt unter uns tut sich eine neue Szene auf: Ein langer Tisch wurde aufgebaut, auf dem ziemlich vergilbt aussehende Zeitschriften mit Porträts auf dem Titelblatt und etliche Bücher ausgelegt werden. Passanten nehmen Platz, junge und alte Frauen und Männer vertiefen sich mit gesenktem Kopf in die Lektüre, drei von ihnen rühren sich während der anderthalb Stunden, die wir dort sitzen, nicht von der Stelle. […]

Wir verlassen mit dem Gefühl, durchaus weitere interessante Vorkommnisse zu versäumen, nach anderthalb Stunden Aufenthalts unsere kostenlose Zuschauertribüne (nach der Suppe gibt es noch Muña-Tee gratis, man weiß, was uns gut tut…) und schauen uns das Plakat für die Lesewerbung genauer an: Es handelt sich um eine konzertierte Aktion von sozialen und religiösen Einrichtungen (Lesen ist ein Beitrag zur Resozialisierung, auch des eigenen Inneren!) und öffentlichen Bibliotheken. […]

Wir wollen noch Juanita sehen, die 1995 entdeckte Mumie von dem vor über 500 Jahren geopferten, von Drogen betäubten und dann erschlagenen 13-jährigen Inka-Mädchen, dem in einigen Publikationen der mir befremdliche Titel „Eisprinzessin“ verliehen wird. Juanita ist gerade nicht anwesend, sie wird in jedem Frühjahr aus ihrer tiefgekühlten Vitrine entfernt und behutsam von ihrem eiskristallenen Überzug befreit, damit sie nicht vollends unter der Eisschicht verschwindet. Aber für einen Film von ihrer Entdeckung und die Ausstellung und die Ansicht anderer Mumien wird geworben, und wir geben nach. […] Schließlich taucht sogar noch ein junger Mann auf, der uns, persönlich von seiner Sache begeistert, Erläuterungen in deutscher Sprache gibt. Wir empfinden den Leidensweg dieses Mädchens nach, das zu Fuß von Cusco ,wo es vom Inka zum Opfer und damit zur Aufnahme in den Kreis der Götter des Vulkans Ampato erkoren wurde, über 500-600 Kilometer zum Kraterrand des über 6.000 m hohen Vulkans aufsteigen musste, was uns aber am meisten beschäftigt: das Déjà-Vu. Für den jungen Mann bedeutet dieses grausame Geschehen unserem Eindruck nach auch heute noch einen notwendigen Beitrag zum ausgleichenden Prinzip von Geben und Nehmen, verkörpert von Pachamama. […] Dem uns sehr sympathischen Museumsführer, der vor lauter Eifer und wegen unserer Fragen seine nächsten Besucher vergessen hat und schnell weg muss, hinterlasse ich neben dem tip noch einen kleinen Zettel. Ich hatte nicht verstanden, in welchen Graben am Kraterrand Juanita gelegt wurde, und er bedankte sich für die Aufklärung: der Graben – die Gräben – graben. Das Grab – die Gräber – begraben. Die deutsche Sprache hat es wirklich in sich!

Gerade gehen die Sperrgitter zum üppigen Markt herunter, und wir verpflegen uns an einem kleinen Stand mit etwas Obst. Die beiden Frauen reden freundlich auf uns ein, sie wiederholen auf meine Bitte gerne: Ob der Mann an meiner Seite mein Ehemann oder mein Freund sei, wollen sie wissen, natürlich mein Mann, alles Weitere geht in ihrem Kichern unter. Auf jeden Fall geht es um irgendetwas Anzügliches…

Um 19 Uhr zurück im Innenhof des Hotels, hat offensichtlich die Mehrzahl der Gäste das Geburtstagsfest verlassen, die meisten Tische sind geräumt, nur die Blumengestecke kann man noch bewundern. Im vorderen Bereich des Zeltes ist das Fest aber noch im Gange, unsere neugierigen Blicke werden von einer Teilnehmerin freundlich beantwortet: Jetzt sei nur noch die engere Familie da. Wir erleben von unserem Balkon aus noch einen heiteren Abend mit klassischem Orchester mit Geige, Klarinette, Fagott, Trompete und viel Gesang. Jung und Alt geben sich abwechselnd das Mikrofon in die Hand und singen einheimische und internationale Ohrwürmer, ich hätte Lust, mich gestenreich an „Come si pianta la bella polenta?“ zu beteiligen, es hätte sicher niemand etwas dagegen gehabt. Und zum Schluss singen die Alten laut ein Hoch auf la patria und la nación. Um 23 Uhr rundherum in den Himmel aufsteigendes leuchtend buntes Feuerwerk.

Irmgard Lersch aus Tübingen

Machen auch Sie sich auf unerwartete, besondere Momente während Ihrer Peru Reise gefasst: Übersicht Peru Reisen

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